Auch dieser Winter gab sich wieder recht moderat, und so war es nicht verwunderlich, dass schon Mitte Januar ein erster Storch am Klärwerk auftauchte und den Horst dort schon mal vorsorglich besetzte. Ein erneuter Kälteeinbruch beendete jedoch dieses kurze Intermezzo, und erst Mitte Februar kehrten die Störche nun in größerer Anzahl aus dem Süden zurück.
Endlich erwachen nun die Hergershäuser Wiesen aus dem Winterschlaf und füllen sich mit Leben. Ob an der Gersprenz oder im Seerich – überall wieder das Klappern der Störche, überall sammeln sie voller Eifer geeignetes Nistmaterial für ihren Brutplatz. Und zwischendrin ein Treffen mit ihren Artgenossen auf Feldern und Wiesen, um dort nach nahrhaftem Futter zu suchen.
Inzwischen sind am Klärwerk und an der Gersprenz alle Nistplätze besetzt. Am Klärwerk hat sich wieder ein unberingtes Paar niedergelassen. An der Gersprenz sind vier Horste von den Vorjahrespaaren (mit jeweils einem beringten Partner) und zwei von unberingten Störchen belegt; ein neuer Nistplatz ist noch im Bau.
Für Neuankömmlinge zunehmend interessanter wird auch der Seerich; hier sind mittlerweile bereits vier Horste entstanden. Am 10. März kam es in diesem Gebiet zu einem ganz ungewöhnlichen Zwischenfall! Ein Storch verfing sich so schlimm in Drachenschnüren, dass er völlig bewegungsunfähig zwischen den Zweigen eines Baumes hängenblieb. Eine aufmerksame Spaziergängerin informierte zum Glück umgehend die Münsterer Feuerwehr, die den Storch dann recht schnell befreien konnte. Ihnen nochmals herzlichen Dank für den Einsatz! Nach kurzer Verschnaufpause und mit frischem Wasser versorgt, flog der Storch dann offenbar völlig unverletzt davon.
Die Netzbetreiber sehen diesen Trend bei den Störchen mit großer Sorge, weil er einerseits für die Tiere Gefahr für Leib und Leben bedeutet, andererseits zu Kurzschlüssen und Stromunterbrechungen führen kann. Deshalb hat der hiesige Netzbetreiber SYNA noch rechtzeitig vor Beginn der Brut- und Setzzeit und mit Genehmigung der Unteren Naturschutzbehörde auf dem Gelände der Firma Frühwein auf der Beune einen Storchenbau von der Traverse entfernen lassen.
Auch an den übrigen Standorten haben die Störche wieder ihre Quartiere bezogen: in der Pappelreihe am Altheimer Bahnhof, im Horst auf dem Sande, auf dem Mobilfunkturm, im Nest hinter der Beobachtungshütte. Sogar im Pappelwäldchen haben sich wieder einige Störche eingefunden. Derzeit ist die Situation dort aber noch unübersichtlich; man kann momentan von etwa fünf besetzten Horsten ausgehen. Erst mit Beginn der Brutzeit sind dann genauere Zuordnungen und Zahlen möglich.
Die Webcam am Klärwerk sendet übrigens wieder alle 30 Sekunden ein Live-Bild und ermöglicht somit allen Storchenfans einen direkten Blick ins Nest.
So wie es jetzt aussieht, ist also auch in diesem Jahr wieder mit einer spannenden Storchensaison zu rechnen.
In diesem Jahr ist die Brutzeit sehr erfolgreich verlaufen. Die Witterungsbedingungen waren ausgeglichen: mal Sonne, mal Regen, keine extreme Trockenheit, und so blieb das Nahrungsangebot für den Storchennachwuchs vielfältig und nahrhaft. Die Nestlinge wurden, wie auf den Fotos deutlich zu sehen ist, gut gefüttert.

Fotos: Horst Jenke
In dieser Saison gab es so gut wie keine Verluste. Schon die erste Datenerfassung zeigte deutlich, dass die Zahl der Nestlinge in den einzelnen Horsten im Vergleich zum Vorjahr deutlich höher ist. Das lässt also auf ein sehr gutes Ergebnis am Ende des Jahres hoffen!
Die Hergershäuser Wiesen sind nach wie vor ein attraktiver Standort für die Brutsaison, und so kamen neben den uns bekannten beringten Störchen, die ihre alten Nistplätze wieder belegten, auch sehr viele zwei- und dreijährige Störche hierher, um nach geeigneten Brutplätzen Ausschau zu halten. So weit, so gut – was aber, wenn schon alle passenden Quartiere besetzt sind?

Foto: Andy Schürr
Hier kommt jetzt ein bei den Störchen sehr beliebter, aber leider besorgnisrerregender Trend ins Spiel: Sie bauen gern ihre Nester auf den Traversen von Hochspannungsleitungen (Bild oben), denn hier haben sie immer einen freien Anflug und freie Rundum-Sicht. Allein im Seerich gibt es bereits drei Horste, ein vierter befindet sich in der Nähe des Gersprenz-Stadions. Innerhalb kürzester Zeit sind auch westlich und östlich der Straße nach Eppertshausen noch weitere Nistplätze in luftiger Höhe entstanden. Die hier ansässigen Störche überflogen bei ihrer täglichen Nahrungssuche auch ständig das Gebiet „In den Stöcken“ und entdeckten dort den Brutplatz von DEW 6X141 und seiner unberingten Partnerin, die schon seit Anfang April drei Nestlinge aufzogen. Dieser Brutplatz weckte Begehrlichkeiten, und so trat ein, was zu befürchten war!
Am 28. April griff ein fremdes Paar die Storcheneltern immer wieder massiv an und versuchte, sie zu vertreiben. Bei diesen Kämpfen wurde der Storch so schwer am Flügel verletzt, dass er nicht mehr fliegen und deshalb auch seinen Horst nicht mehr verteidigen konnte. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war menschliches Eingreifen dringend geboten.
Andy Schürr, der sich bei dem nun erfolgenden Rettungseinsatz am 29. April maßgeblich beteiligte, hat in einem auf Facebook geposteten Bericht den genauen Ablauf der Aktion folgendermaßen geschildert:


Fotos: Andy Schürr
Jetzt, sechs Wochen später, hierzu noch weitere Informationen: Die zwei Pfleglinge, inzwischen mit den Namen Frieda und Fred versehen, haben sich bei bestmöglicher Pflege in der Klingelbacher Mühle prächtig entwickelt, sie sind bereits mit den von Klaus Hillerich für sie vorgesehenen ELSA-Ringen ausgestattet worden. Inzwischen dürften sie ihre Zeit schon mit anderen Störchen in einer Außenvolière verbringen, bis dann zum geeigneten Zeitpunkt auch die Auswilderung ansteht.
Beringung der Störche im Klärwerksnest
Aufgrund der gerade geschilderten Ereignisse galt der für den 11. Juni anberaumte Beringungstermin nur für das Klärwerksnest in Münster.
Alles lief in der üblichen Routine ab. Als Klaus Hillerich, der für unsere Region zuständige Beringer, und Andy Schürr mit dem Hubwagen ans Nest fuhren, verließen die Storcheneltern das Nest und beobachteten aus sicherer Entfernung das weitere Geschehen. Die zwei etwa sieben Wochen alten Nestlinge verharrten – wie zu erwarten – völlig regungslos in sogenannter Akinese, einer Art Schreckstarre, und ließen sich am rechten Bein problemlos die amtlichen ELSA-Ringe der Vogelwarte Wilhelmshaven verpassen. Damit sind sie nun ihr Leben lang mit einem gültigen „Personalausweis“ ausgestattet.

Foto: Andy Schürr
Sobald am Storchennest wieder Ruhe eingekehrt war, kehrten die Eltern zurück und stellten offenbar mit sichtlicher Erleichterung fest, dass ihren Sprösslingen kein Leid zugefügt worden war. Auch bei Störchen heißt es: Klappern gehört zum Handwerk!

Foto: Andy Schürr